Dein Gesundheitskonto – wie viel Energie hast du wirklich?
Ich erkläre Gesundheit gerne mit einem ganz einfachen Bild: Gesundheit ist wie ein Bankkonto.
Auf dieses Konto zahlen wir jeden Tag ein – oder wir heben davon ab.
Schlaf, gute Ernährung, Bewegung, Pausen, Erholung, Freude, gute Beziehungen und Dinge, die uns wirklich guttun, sind Einzahlungen. Stress, Arbeit, Verantwortung, Konflikte, Schlafmangel, Infektionen, Umweltbelastungen oder permanente Überforderung sind Abbuchungen.
Solange genügend Guthaben vorhanden ist, ist das zunächst überhaupt kein Problem. Wir können Belastungen kompensieren. Ein paar stressige Wochen, weniger Schlaf, eine Infektion oder eine schwierige Lebensphase bringen einen gesunden Organismus nicht sofort aus dem Gleichgewicht.
Aber was passiert, wenn über längere Zeit mehr abgebucht als eingezahlt wird?
Dann rutschen wir irgendwann ins Minus. Und genau hier wird es interessant.
Denn auch wenn dein Bankkonto im Dispo steht, kannst du im Supermarkt immer noch deine Karte hinhalten – und sie funktioniert. Du bekommst weiterhin Geld. Nur: Es ist nicht mehr dein Geld.
Und genauso erlebe ich es häufig mit unserer Energie und damit unserer Gesundheit.
Ein Mensch steht morgens auf, geht arbeiten, kümmert sich um seine Familie, erledigt seine Termine, treibt vielleicht sogar noch Sport und sagt: „Es geht doch noch.“ Aber nur weil es noch geht, bedeutet das nicht, dass noch echtes Guthaben vorhanden ist. „Ich kann noch“ ist nicht dasselbe wie „Ich habe noch ausreichend Reserven.“
Vielleicht lebt der Körper längst von geliehener Energie. Und für einen Dispokredit bezahlt man Zinsen. Hohe Zinsen.
Beim Körper können diese „Zinsen“ ganz unterschiedlich aussehen: Man braucht länger, um sich zu erholen. Der Schlaf wird schlechter. Die Belastbarkeit nimmt ab. Man wird gereizter. Die Verdauung verändert sich. Die Konzentration lässt nach. Man hat weniger Freude und weniger Energie für Dinge, die einem eigentlich wichtig sind.
Und häufig versucht man, genau das wiederum mit noch mehr geliehener Energie zu kompensieren.
Noch ein Kaffee. Noch mehr Disziplin. Noch ein Training. Noch schnell diese Aufgabe erledigen. Das Wochenende wird zur Regeneration genutzt, damit man am Montag wieder funktionieren kann.
Das Konto rutscht immer tiefer ins Minus. Und umso tiefer man im Dispo ist, desto höher sind die Rückzahlungszinsen und der Zeitraum, bis man sich wieder erholt hat. Und irgendwann kommt der Punkt, wo man sich nicht mehr erholen kann.
Warum es so schwer ist, wieder herauszukommen
Stell dir zwei Menschen vor.
Der eine hat 2.000 Euro Guthaben auf seinem Konto. Der andere steht 2.000 Euro im Minus. Beide bekommen 500 Euro. Der erste hat anschließend 2.500 Euro. Der zweite steht immer noch bei minus 1.500 Euro.
Beide haben exakt dasselbe eingezahlt – aber sie befinden sich an völlig unterschiedlichen Ausgangspunkten.
Das ist einer der Gründe, warum Menschen, die bereits tief in einer Erschöpfung stecken, häufig feststellen: „Ich mache doch schon so viel für mich. Warum geht es trotzdem nicht richtig vorwärts?“ Weil die ersten Einzahlungen möglicherweise gar nicht dazu dienen, ein großes Guthaben aufzubauen. Sie dienen zunächst dazu, überhaupt wieder Richtung Null zu kommen. Und jeder, der einmal einen größeren Dispokredit hatte, weiß, wie mühsam das sein kann.
Irgendwann macht die Bank den Geldhahn zu
Das vielleicht wichtigste Problem an einem Dispo ist: Er ist nicht unbegrenzt.
Irgendwann sagt die Bank: Bis hierhin und nicht weiter.
Übertragen auf unseren Körper ist das der Moment, in dem die bisherige Kompensation nicht mehr funktioniert. Was vorher irgendwie noch ging, geht plötzlich nicht mehr.
Der Körper zwingt uns zu einer Pause, die wir uns vorher selbst nicht erlaubt haben.
Das kann sich als massive Erschöpfung oder Burnout zeigen. Bei Erkrankungen ist das Bild natürlich komplexer – Krankheit lässt sich nicht einfach auf ein „leeres Gesundheitskonto“ reduzieren. Aber das Modell macht verständlich, warum die vorhandenen Regulations- und Energiereserven eine enorme Rolle dabei spielen, wie gut wir mit Belastungen umgehen können.
Deshalb interessiert mich bei Gesundheit nicht nur:
„Hast du gerade Symptome?“ Mich interessiert mindestens genauso: „Wie voll ist eigentlich dein Konto?“ Denn Symptomfreiheit bedeutet nicht zwangsläufig, dass wir gesund und voller Reserven sind. Manchmal bedeutet sie lediglich, dass die Karte noch funktioniert. Und vielleicht sollten wir nicht erst anfangen, uns um unser Gesundheitskonto zu kümmern, wenn die Bank bereits angerufen hat.